Krieg und Besatzung in Afrin

„Krieg und Besatzung in Afrin“-Hintergrundartikel von Dr. Michael Wilk. Arzt, Autor und Aktivist. Seit 2014 unterstützt er in Rojava/Nordsyrien “Heyva sor a kurd”, den kurdischen roten Halbmond. Beteiligte sich zuletzt im März 2018 an einem Hilfskonvoi nach Afrin/Sheba.

Der Angriff der türkischen Armee und der ihr unterstellten islamistischen Hilfstruppen erfolgte am 20. Januar 2018. Die Militäraggression mit dem zynischen Namen „Operation Olivenzweig“, richtete sich gegen die relativ ruhige Region Afrin im Nord-Westen Syriens. In die mehrheitlich von kurdischen Menschen bewohnte und selbstverwaltete Region, hatten sich viele Binnenflüchtlinge aus anderen Regionen Syriens geflüchtet, weil sie sich hier sicher glaubten. Auch eine große Anzahl jesidischer Familien, lebte in der Region Afrin, bis der Angriff der Türkei mit fundamentalistischen Söldnern erfolgte.

Die Besetzung Afrins durch die türkische Armee wurde durch eine Propagandaschlacht ungeheuren Ausmaßes flankiert. Als Rechtfertigung für die in den Augen vieler völkerrechtswidrige Invasion, wurde eine Gefahr für die Türkei durch kurdische Kräfte aus Afrin herbeiphantasiert, die es so nie gegeben hatte. Das durchschaubare Ziel, Erdoğans Krieg medial als „sauberen Einsatz gegen Terroristen“ dastehen zu lassen, gipfelte in der Behauptung, es hätte keine oder kaum zivile Opfer gegeben. Unzählige Augenzeugenberichte und  Dokumente bezeugen das Gegenteil. Die Bombardements töteten hunderte, verletzten unzählige und zwangen hunderttausende Menschen in die Flucht. Allein in der angrenzende Region Sheba, zählten die Vereinten Nationen (OCHA Coordination of Humanitarian Affairs) 137 000 Menschen Geflohene. Hier campierten die Menschen unter katastrophalen Bedingungen zum Teil unter freiem Himmel, ohne ausreichende Nahrung und medizinische Versorgung.

Nach der Besetzung Afrins mehrten sich nicht nur Berichte und Dokumentationen von Plünderung der Dörfer Afrins durch die dschihadistischen Hilftruppen, darüber hinaus gab es auch Aussagen über Entführungen, unter den Verschleppten auch junge Mädchen. Gleichzeitig wachsen die Hinweise auf eine geplante demographische Neuordnung der Region. Offen wird in der Türkei Afrin als Rückkehrraum für syrische Flüchtlinge gehandelt. Zuvor von kurdischen Menschen bewohnte Häuser, werden an andere, vornehmlich arabische Familien vergeben. Es geht um die Umstrukturierung und Umerziehung der Region Afrin, emanzipative Strukturen, die praktizierte Gleichberechtigung von Mann und Frau, sollen ebenso ausgelöscht werden wie Basisdemokratie und Selbstverwaltung.

Afrin, westlichster Kanton der demokratischen Föderation Nordsyrien, wurde von dem NATO Land Türkei angegriffen und besetzt. Deutsche Panzer und anderes Kriegsgerät kamen zum Einsatz. Russland, Schutzmacht Assads, duldete die Aggression ebenso wie die USA und Westeuropa, aus unterschiedlichen Gründen. Die deutsche Bundesregierung stoppte zu keinem Zeitpunkt die  militärische Unterstützung. Waffenlieferungen im Wert von 4,4 Millionen seit dem Beginn des Krieges gegen Afrin bedeuten eine Mitschuld an der völkerrechtswidrigen Besetzung Afrins durch türkische und fundamentalistische Truppen. Die politischen VertreterInnen und die Verantwortlichen der Politik wissen von diesen Tatsachen. Sie zeigen jedoch die bekannte Ignoranz, Hemmungs- und Skrupellosigkeit. Sie reden davon, Fluchtursachen bekämpfen zu wollen,– ihre reale Politik aber, bekämpft Menschen und treibt sie in die Flucht.

 

 

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